Innenansichten eines Berylls

Auf das Augenpaar links wurde Mela Chu (rechts) besonders oft angesprochen.

Ein ungewöhnliches Projekt ist derzeit in der Galerie chu zu bestaunen: Die Wände hängen voll mit großformatigen Bildern, die wie abstrakte Kunst aussehen, in Wirklichkeit aber Fotografien eines grünen Halbedelsteins in extremer Vergrößerung sind. Sabine von den Steinen heißt die Künstlerin – und der Name ist Programm: aus lauter Liebe zu den Steinen hat sie den Beruf der Goldschmiedin gewählt. Seit einigen Jahren unterhält sie ein Atelier für Schmuckdesign in der Friesenstraße. Da sie nebenbei seit Jahrzehnten fotografiert, lag es für sie nahe, einfach einmal tief in ihre geliebten Objekte hineinzusehen – mittels Makrofotografie. „Crossing Grace One“ nennt sich der Bilderzyklus, der verschiedene Ansichten eines Berylls mit Einschlüssen zeigt. Augenpaare, Froschmänner oder eine Tanzende von hinten meint man auf den Bildern zu erkennen, oder wie es Mela Chu etwas poetischer ausdrückt: „Jahrmillionen verzauberter Welten“.

Sabine von den Steinen vor einem ihrer Werke

„Dass dies Fotos sind, muss man tatsächlich erwähnen“, sagte sie in ihrer kurzen Ansprache, „so nah an der abstrakten Malerei, so nah an der Beschreibung des Überirdischen, des nicht Fassbaren in der Kunst.“ Das fragliche Objekt, das diese Assoziationen auszulösen in der Lage ist, ruht derweil in einer kleinen Vitrine direkt am Schaufenster: ein Beryll eben, schön geschliffen, vorne flach, hinten tief, fast parabelförmig, damit er gut eingefasst werden kann. „Die ganze Idee kam recht spontan“, gibt Sabine von den Steinen Auskunft, „und als ich später auf meinem Weg zur Arbeit hier vorbeikam, dachte ich mir: warum redest du nicht einfach mal mit einer Galeristin über das Projekt?“ Der Erfolg ließ nicht lange auf sich warten: Mela Chu räumte den Ausstellungsraum aus, strich neu und schaffte so den Platz, den man für angemessene Kontemplation braucht. Wie nah Kunsthandwerk und Kunst sich sind, sieht man auch am aufwendig gestalteten Ausstellungskatalog.

Dieser Beitrag wurde unter Allgemein, Kunst abgelegt und mit , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.